Vom Studenten zum Facharbeiter

Betonpumpe vor dem Ringbahnsteig Ostkreuz

Die Geschichte, die die Welt für mich klein werden ließ, ist lang. Am besten fange ich ganz am Anfang an, damit du verstehst, warum alles so gekommen ist, wie es jetzt ist.

Nach dem Abitur war ich nicht besonders festgelegt, was ich mit meinem Leben anfangen will, war aber auch nicht verschlossen. Mein Traum wäre ein Tonmeisterstudium an der HFF Konrad Wolf in Potsdam gewesen, das war aber schwierig, weil die Hochschule zwingend ein Vorpraktikum forderte. Während viele meiner Jahrgangskameraden erstmal für eine lange Zeit ins Ausland gingen, stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall studiere. Auch stand außer Frage, dass ich in Berlin studiere und dass ich auf jeden Fall Ingenieur werde. Also hab ich mich umgeguckt, was für mich mit einem NC von 2,3, ohne Wartesemester und unter Beachtung meiner Pinguin-artigen Abneigung gegen Vorpraktika drin ist – und landete bei Nachrichtentechnik. Das klang sehr interessant und schien auch eine gewisse Nähe zu meinem Traumberuf Tonmeister zu haben. Mathe war im Abi eins meiner besten Fächer gewesen und Elektrotechnik interessierte mich schon seit der Kindheit, also warum nicht?

Im ersten Semester hatte ich bereits das ganz böse Erwachen. Mathe wurde um ein j reicher, die Wurzel aus -1 wurde möglich und Matrix war plötzlich kein Film mehr. Hinzu kamen die Professoren, die mehr Selbstgespräche als Vorlesungen führten und den Beweis eines Theorems nach der Hälfte mit dem lapidaren Satz „Das macht ihr zuhause fertig, ne?“ abbrachen. Und Mathe sollte mir dann auch die Entscheidung abnehmen.

Am Ende des 2. Semesters schrieb ich zum dritten Mal „Mathe 1“ und – wie könnte es auch anders sein – fiel zum dritten Mal durch. Folge: Von Amtswegen Ex. Wie ich so nach der bitteren Nachricht in meinem Polo sitze, ruft mich völlig unerwartet meine Tante an. Sie hatte seit der Wende ein kleines Ingenieurbüro für Baugrund und war damit bisher eher mittelmäßig erfolgreich gewesen. Sie fragte mich, ob ich denn Lust hätte, für sie ein dynamisches Fallgewichtsgerät (ein Prüfinstrument für Bodenverdichtung) zur Kalibrierung zu bringen, selbstverständlich gegen Vergütung. Ich willigte ein und erzählte ihr in meiner Verzweiflung von meinem Uni-Pech. Da kam sie mit der glorreichen Idee, ich könnte doch bei ihr eine Ausbildung zum Facharbeiter machen. Zum Baustoffprüfer. Es gäbe viele Dienstreisen (wie etwa die Kalibrierung der Fallplatte), ein Lehrlingsgehalt und sie würde mich hinterher übernehmen. Außerdem würde ich parallel in zwei verschieden orientierten Ingenieurbüros ausgebildet werden, um maximale Erfahrungen zu machen. Das war in meiner Lage ein Strohhalm, an den zu klammern ich mich entschied. Wenigstens fürs Erste, und dann sehen wir weiter.

Facharbeiter Baustoffprüfer - Arbeitsgerät

Leichtes Fallgewichtsgerät und Verdichterplatte (v.l.n.r.)

Schon nach kurzer Zeit zog meine Tante mit dem Büro aus der Wohnung in ein Bürogebäude in der Nähe um, stellte eine Sekretärin und schließlich noch einen zweiten Azubi ein. Außerdem baute ich im Keller des Bürogebäudes ein eigenes Labor für sie auf. Doch schon bald zeigte sich, dass nicht alles Gold ist, was Geld bringt. Die versprochenen Dienstreisen fanden nicht statt, im Büro war ich ein besserer Sekretär und im Labor wurde ich an der kurzen Leine gehalten, weil mir die Boss-Lady nichts zutraute. Das bot viel Konfliktpotential und es kam schließlich zu einer Aussprache mit Verwarnung. Aus diesen und anderen Gründen, die ich dir im nächsten Beitrag erzähle, wechselte ich ein halbes Jahr vor dem vorzeitigen Abschluss vollständig in das andere Ingenieurbüro, praktisch zur direkten Konkurrenz meiner Tante und hatte (auch aufgrund der Abwerbe-Situation) einen ganz anderen Stand. Ich bekam einen eigenen Dienstwagen, fuhr jeden Tag auf die Baustellen (im Artikelbild Großbaustelle Ostkreuz) und schrieb selbst meine Prüfberichte. Mit der Zeit deutete der 68-Jährige Eigentümer an, dass er mich praktisch schon als seinen Nachfolger sah. Das war schon eher nach meinem Geschmack. Den Abschluss machte ich vorzeitig als Jahrgangs-Zweitbester und darf mich seither „Facharbeiter Baustoffprüfer – Schwerpunkt Geotechnik“ nennen.

Als Facharbeiter muss man auch Haufwerke beproben

Auch Haufwerksbeprobungen zur Altlastenuntersuchung gehörten zu meinen Aufgaben.

Ich hatte im Prinzip eine klare Zukunft vor mir. Mein duales Studium zum Bauingenieur bei der Bahn war schon so gut wie in trockenen Tüchern, im Ingenieurbüro hatte ich im Prinzip alle Karrierechancen und das Geld stimmte auch. Und doch kam alles anders…

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