Wie ich mit der Ortsunabhängigkeit so richtig durchgestartet bin

In den letzten beiden Beiträgen habe ich meinen Weg in die Ortsunabhängigkeit erzählt. Aber wie ist bei mir denn eigentlich der Knoten geplatzt? Wie mein dritter und endgültiger Schritt in die Ortsunabhängigkeit aussah, berichte ich dir hier.

ortsunabhängigkeit an der Tankstelle

Im Morgengrauen an der Tankstelle: Ein Hauch von Ortsunabhängigkeit

Im März 2014 war bereits abzusehen, dass ich für die russische Lüftungsfirma nicht mehr arbeiten würde. Sie hatten mich zwar die letzten beiden Monate Tageweise bezahlt, aber davon konnte keiner wirklich leben. Auch auf meiner alten Übersetzer-Seite waren momentan keine Aufträge vorhanden, sodass wir mal wieder auf den Lohn meiner nun nur noch halbtags arbeitenden Frau angewiesen waren. Ich hatte mich zwar bei einigen anderen Übersetzungsplattformen angemeldet, aber der Erfolg war bestenfalls als mäßig zu bezeichnen. Aufträge kamen keine herein und auch mein altes Business, was ich nochmal überarbeiten wollte, kam nicht so richtig in Schwung.

Ein letzter Versuch der klassischen Arbeitssuche

Was sollte ich also tun? Woher sollte ich Geld nehmen? In meiner Verzweiflung versuche ich wieder, eine feste Stelle zu finden, diesmal in meinem Beruf, Baustoffprüfer. Ich stellte also bei der Jobseite einen Lebenslauf als ebensolcher ein und hatte auch prompt Erfolg: Eine Firma, die Gasvorkommen erkundet, lud mich zum Vorstellungsgespräch ein. Die nette Chefin dort unterhielt sich mit mir, zeigte mir das Labor, gab mir noch ein paar russische „GOST“-Normen (das russische Äquivalent zu den deutschen DIN-Normen) und verabschiedete mich wohlwollend.

Aber war das wirklich das, was ich wollte? Im Labor hatten etliche Geräte gestanden, mit denen ich in Berlin nie zu tun gehabt hatte und die Aussicht, wieder im Dreck zu wühlen, machte mich nicht gerade glücklich. Die Dame schrieb mir noch einmal nach ein paar Tagen und versicherte mir, dass meine Einstellung noch nicht vom Tisch wäre, aber für mich war dieser Job eigentlich längst von selbigem. Ich dachte mir, ehe ich für einen Hungerlohn jeden Tag im Dreck wühle, suche ich lieber noch etwas länger.

Ich  rief kurzerhand meinen alten Chef nochmal an und der gab mir die Telefonnummer eines hohen deutschen Siemens-Abteilungsleiters in Moskau. Dieser versprach, mir zu helfen und kam schon bald mit dem Angebot, irgendwo in der Provinz bei St. Petersburg auf einer Eisenbahnbaustelle als Übersetzer zu arbeiten. Allerdings nur in den Sommermonaten und eben weit ab jeglicher Zivilisation. Parallel dazu meldete ich mich bei einer der Übersetzungsseiten an, die mit der Vorarbeiter auf der alten Arbeit gegeben hatte.

Freelancer-Tätigkeit zur effektiven Nutzung von Leerlaufzeiten

Bei der Seite handelte es sich um einen kostenpflichtigen Dienst mit einem kostenlosen Modus. Allerdings konnte ich auf die Ausschreibungen immer erst nach 12 Stunden ein Angebot abgeben. Nach ein paar Tagen rang ich mich dann doch dazu durch, die knapp 120 € zu bezahlen und hatte noch am selben Abend den ersten großen Auftrag am Haken: Einen 7000 Wörter langen englischen Monstertext, den es nach Deutsch zu übersetzen galt und das eilig. Entsprechend hoch war der Preis pro Wort, 700 € sollte der mir einbringen. Bis zum nächsten Morgen musste er fertig sein, also fing ich an. Das juristische Thema lag mir überhaupt nicht, doch in meiner Situation konnte ich darauf nicht achten. 700 € für eine durchwachte Nacht, das war es mir wert. Davon würden wir einen ganzen Monat leben können. Also zog ich die Nummer durch und am nächsten Morgen lieferte ich die Übersetzung einer sehr dankbaren Managerin. Dieselbe Agentur bestellt bis heute in unregelmäßigen Abständen.

In der nächsten Zeit verbrachte ich sehr viel Zeit auf der Seite und tat eine dauerhafte Freelancer-Stelle bei einem großen Hotelportal auf, die mich sehr interessierte. Kurzerhand bewarb ich mich und wurde gebeten, einen Test zu machen. Parallel dazu rief mich eine deutsche Lackfirma an und bot mir einen In-House-Job als Übersetzer in der Moskauer Außenstelle an. Das Vorstellungsgespräch verlief hervorragend und ich wurde genommen. Diesen In-House-Job habe ich bis heute – noch.

Arbeit Messe Trailer

Als Übersetzer auf einer Bautechnikmesse: Diesen Trailer hat meine Firma lackiert.

Den Test bei dem Hotelportal hatte ich ebenfalls bestanden, sodass ich nun ein regelmäßiges Zubrot hatte. Das Schöne an diesem Job ist, dass immer Aufträge in meinem Profil sind. Ich kann also dort immer einen Auftrag nehmen, wenn ich mal Leerlauf habe. Und da die Seite über ein gutes Translation Memory, also eine Datenbank mit früheren Übersetzungen, verfügt, fällt der Arbeitsaufwand verhältnismäßig gering aus. Das macht auch den effektiv nicht sehr guten Wortpreis wieder wett.

Mittlerweile habe ich mir einen kleinen, aber zuverlässigen Kundenstamm aufgebaut und Leerlaufzeiten fülle ich mit Übersetzungen für das Hotelportal auf. Auf diese Weite habe ich neben den In-House-Job, der leider in Rubeln bezahlt wird, ein nettes Nebeneinkommen aufgebaut. Wobei man eigentlich schon sagen kann, dass die Einkünfte aus der selbständigen Tätigkeit mittlerweile mehr als 50 % der Gesamteinkünfte ausmachen, also kann man eher den In-House-Job als Nebeneinkunft betrachten.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Die konstant hohen Freelancer-Einnahmen bringen mich in die glückliche Situation, jederzeit den In-House-Job an den Nagel hängen zu können. Zumal ich mich noch nie wirklich unterordnen konnte und nach einer gewissen Zeit eigentlich in jeder Firma anfange, anzuecken. Außerdem tut es mir leid um die täglichen dreieinhalb Stunden im Bus, die ich auch gut mit Geldverdienen oder Schlafen verbringen könnte. Busfahren in Moskau ist schließlich nicht dasselbe wie in Berlin.

InnoTrans 2014 Berlin Pesa Tram Moskau

Auf der InnoTrans 2014 in Berlin als Übersetzer unterwegs

Hier muss man sich früh an einer Schlange anstellen und wenn man das nicht ca. 15 Minuten vor der Abfahrtszeit tut, bekommt man einfach keinen Sitzplatz. Das ist bei einer guten Stunde Fahrzeit schon sehr entscheidend. Und wenn der Bus dann kommt, gibt es immer welche, die die Schlange ignorieren und andere, die dann anfangen, mit diesen zu streiten oder, in seltenen Fällen, sogar sich zu prügeln. Dann sind da noch die alltäglichen Büroprobleme: neidische Mitarbeiter (in erster Linie –innen), nervige Hiviarbeit, weil irgendjemand glaubt, ich hätte nichts zu tun (was streng genommen auch der Fall ist, zumindest nicht für die Firma) und grelles, flackerndes Neonlicht. Und nicht zu vergessen: jeden Tag derselbe Radiosender, der drei- bis viermal am Tag „Wiggle Wiggle“ von Snoop Dog spielt, unerträglich!

Allerdings habe ich bereits einen Fahrplan: Ende des Jahres habe ich meinen Chef auf eine Homeoffice-Regelung angesprochen, allerdings hat er sich dazu bis jetzt nicht geäußert. Zur Not gehe ich auch in der Bezahlung etwas runter. Sollte mein Chef das partout nicht wollen, werde ich wohl ins kalte Wasser springen und zum 01. Februar oder 01. März kündigen. Dann müssten wir uns zwar in der ersten Zeit etwas einschränken, aber wir würden nicht hungern. Zumal durch den aktuellen Kursverfall des Rubel für uns gerade alles billiger wird.

Gesetzt den Fall, ich kann mich auf eine Homeoffice-Regelung einigen, bleibe ich solange bei der Farbfirma, bis es sich irgendwann für mich nicht mehr lohnt. In dieser Zeit spare ich jeden Tag 3,5 Stunden beim Busfahren, die ich gut in gewinnbringerende Tätigkeiten oder in persönliche Angelegenheiten investieren kann. Zum Beispiel steht für mich im Jahr 2016 die Beantragung des ständigen Aufenthaltsrechts in Russland an, was eine Menge Zeit in Anspruch nimmt. Oder dieses Jahr möchte ich meinen Stiefsohn adoptieren, wofür es auch einiges zu organisieren gilt. Alles Sachen, die neben einem 8-to-5-Job (ja, in Russland arbeitet man eine Stunde mehr) schwierig unterzubringen sind.

Aber was hat das jetzt mit Ortsunabhängigkeit zu tun?

Im September 2014 machte ich mir Gedanken darüber, was wir mit den drei Monate langen russischen Sommerferien anstellen könnten und stöberte im Internet einfach mal nach Informationen zu Australien. Dabei stieß ich bei Google auf den Blog „Wireless Life“ von Sebastian Kuehn. Darin hatte er eine sehr interessante Geschichte über seine eigene Zeit in Australien erzählt und nachdem ich sie durchgelesen hatte, blieb ich einfach auf der Seite hängen und begann, seine anderen Artikel zu lesen. Sein Blog dreht sich fast ausschließlich um das Thema Ortsunabhängigkeit und digitales Nomadentum und bei der Lektüre seiner sehr interessanten Texte wurde mir klar, dass ich eigentlich, ohne es wirklich zu merken, selbst ortsunabhängig geworden war.

Aussicht aus dem Moskauer Büro

Winterliche Impressionen aus dem Moskauer Bürofenster

Ich war unabsichtlich zum Online-Entrepreneur geworden, zum Internet-Unternehmer. In Sebastians Blog und später auch in seiner Community für digitale Nomaden My Wireless Life bekam ich einige Anregungen und Tipps, wie ich aus dem Hamsterrad, Zeit gegen Geld zu tauschen, ausbrechen könnte. Dabei wurde mir auch klar, dass die Freelancer-Tätigkeit zwar gutes Geld einbringt, aber auch nur wieder ein neues Hamsterrad ist. Ich tausche im Endeffekt wieder nur Zeit gegen Geld, nur effektiver.

Das Thema digitale Nomaden hatte mich entflammt, und so sog ich mehrere Wochen lang mit einem ziemlichen Heißhunger viele Blogs und Podcasts auf. In dieser Zeit fand ich auch endlich den Mut, meinen eigenen Blog, über den ich schon seit längerem nachgedacht hatte, auf die Beine zu stellen. Außerdem zog sich ein Gedanke wie ein roter Faden durch all die interessanten Blogbeiträge: Das passive Einkommen.

Dieses macht den Online-Entrepreneur erst wirklich zum Unternehmer. Wenn ich als Freelancer übersetze, kann ich entweder mehr Aufträge annehmen, oder die Preise erhöhen. Doch beides lässt sich nicht unendlich fortsetzen, denn entweder komme ich an meine zeitlichen Grenzen (bisher hat der Tag nur 24 Stunden von denen ich mindestens 6 zum Schlafen investieren muss), oder die Kunden springen ab, weil ich einfach zu teuer werde. In beiden Fällen ist mein monatliches Einkommen auf eine bestimmte Summe begrenzt. Das passive Einkommen ist also die einzige Möglichkeit, mein Einkommen zu steigern, ohne mehr Zeit zu investieren. Quasi das letzte Hamsterrad zu verlassen: Den Tausch von Zeit gegen Geld.

Momentan arbeite ich an verschiedenen Projekten im Versuchsstadium, von Affiliate-Marketing über die Vermittlung von Dienstleistungen bis hin zu Entwicklung und Herstellung von physischen Produkten. Allerdings habe ich noch nicht die für mich ideale Tätigkeit gefunden, doch ich habe unglaublich viele Ideen, Inspirationen und Motivationen.

Als kleines Fazit meiner Entwicklung kann ich also zum jetzigen Zeitpunkt festhalten: Ortsunabhängig bin ich bereits, der Sprung zum echten Unternehmer steht allerdings noch bevor. Ich könnte bereits jetzt an einem beliebigen Punkt der Erde arbeiten, zum Beispiel schreibe ich gerade von Berlin aus. Dennoch habe ich noch viele Reserven. Wenn mir jetzt beispielsweise mein größter Kunde wegbräche, hätte ich ein ziemliches Problem und müsste stark rudern, um diesen Verlust auszugleichen. In der nächsten Zeit gilt es also, verschiedene (passive) Einkommen aufzubauen. Wenn eine Richtung dann wegfällt, weil beispielsweise ein Partnerprogramm beendet wird oder aufgrund einer Wirtschaftskrise eine bestimmte Dienstleistung nicht mehr gefragt ist, können die anderen diesen Verlust abpuffern.

Und wie diese Entwicklung bei mir weiterhin verläuft, will ich dir hier in diesem Blog kontinuierlich berichten. Dies soll einerseits dir als Anregung oder einfach nur Unterhaltung dienen, andererseits ist es für mich eine Möglichkeit der Selbstkontrolle, was ich bereits erreicht habe und woran ich noch arbeiten muss.

Zu guter letzt möchte ich dir als treuem Leser meines Blogs von ganzem Herzen alles Gute für das neue Jahr wünschen! Lass dich nicht unterkriegen, lass dich inspirieren und wage auch Du mal einen Blick über den Tellerrand, wie ich es (gezwungenermaßen) tun musste. Doch glaub mir, es lohnt sich! Die Welt ist groß und bietet unglaublich viele Möglichkeiten.

In diesem Sinne, lass dich von deinen Ideen leiten!

Justin

Nachtrag: In diesem Artikel ziehe ich ein Fazit aus 7 Monaten Ortsunabhängigkeit.

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2 Responses

  1. Christian sagt:

    Hi Justin,
    klasse Artikel – da hat sich das warten doch gelohnt 🙂
    Ich hoffe, es läuft bei dir alles so gut weiter, wie es momentan den Anschein macht.
    Herzliche Grüße
    Christian

    • Justin sagt:

      Hallo Christian,
      danke für dein Feedback! Ja, im Moment sieht es eigentlich ganz gut aus, aber man darf natürlich niemals stillstehen.
      Jetzt ist schon wieder längere Zeit nichts mehr hier passiert, aber ich habe wieder einiges in der Pipeline!

      Grüße aus Moskau,
      Justin

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