Die Schattenseiten der Ortsunabhängigkeit

Jede Sache hat ihre Vor- und Nachteile. So auch die Ortsunabhängigkeit. Allerdings will ich vorweg nehmen, dass ich keinesfalls die Selbständigkeit aufgeben will. Warum schreibe ich diesen Artikel? Seit etwas mehr als einem halben Jahr bin ich offiziell ortsunabhängig, das heißt, ich habe meinen In-House-Job ins Homeoffice verlegt. Theoretisch und praktisch bin ich so nicht mehr an einen Ort gebunden und kann meine Arbeit von jedem beliebigen Punkt der Welt aus erledigen. Einzige Voraussetzung ist, dass ich Internet habe.

ortsunabhängigkeit montenegro

Auf unserer Wohnwagenreise durch Montenegro habe ich ortsunabhängig gearbeitet.

Das hatte auch auf unserer einmonatigen Wohnwagenreise durch Südosteuropa sehr gut geklappt. Lediglich das Internet war nicht immer optimal, doch konnte ich mir mit mobilem Internet immer gut behelfen. Auch während unseres anschließenden einmonatigen Aufenthaltes in Berlin nach der Reise konnte ich alle meine Projekte immer gut am Laufen halten. Mehr aber auch nicht…

Die Ortsunabhängigkeit an sich ist nicht das Problem. Das eigentliche Problem sind Ablenkung und Prokrastination. Einerseits werde ich oft von meiner Familie abgelenkt, andererseits treten auf Reisen oder zu Hause immer wieder verschiedene Dinge auf, die sofort erledigt werden müssen und somit zum Aufschieben von Arbeitsaufgaben (Prokrastination) führen. Gerade in den Sommerferien fiel stark auf, dass sich meine Familie zuhause langweilte, während ich am Computer saß. Es wurden immer wieder in unregelmäßigen Abständen allerlei Bewerbchen an mich herangetragen, sodass es mir schwer fiel, mich zu konzentrieren.

Diese Probleme, zusammen mit der allgegenwärtigen Ablenkung im Internet, führten dazu, dass meine Produktivität fast auf Null einbrach. Ich hatte jeden Tag meine Not, alles irgendwie am Laufen zu halten, hatte unheimlichen Stress und war völlig Überfordert. Trotzdem brach mein Einkommen um fast die Hälfte ein.

Allerdings ist die Ortsunabhängigkeit nicht schuld daran. Schuld bin in erster Linie ich selbst. Als beste Tageszeit zum Arbeiten hatte sich der frühe Morgen herausgestellt, während meine Familie noch schläft. Wenn ich beispielsweise um 07:00 Uhr aufstehe, habe ich meistens zwischen 3 und 4 Stunden völlig ungestörte Arbeitszeit. Doch genau diese Zeit, wenn eben keiner sieht, was ich mache, vedödele ich gerne mit Nachrichten, YouTube-Videos und anderen unproduktiven Sachen. Und wenn meine beiden Lieben dann aufstehen ist erstmal Frühstück angesagt. Danach habe ich 2 Stunden Arbeitszeit, durchbrochen von Zwischenfragen und anderen Anliegen, bis die Vorbereitungen des Mittagessens mich wieder in Beschlag nehmen. Danach sind Freizeitaktivitäten angesagt, danach Abendessen und dann ist der Tag auch schon wieder zu ende.

Am besten kannst du diesen Effekt an meinen Blogartikeln erkennen. Hatte ich vor meiner Ortsunabhängigkeit noch pro Woche 1-2 Beiträge in der Woche geschrieben, fiel dieser Wert seit Februar 2015 rapide ab. Ein Beitrag im Monat war schon viel und mich plagte immer öfter das schlechte Gewissen. Ich habe seitdem immer meiner „Cash Cow“ – meiner Übersetzungsarbeit – den Vorzug gegeben, statt mich mit dem kreativen, aber finanziell uninteressanten Blog zu beschäftigen.

Aber was kann ich dagegen tun? Darauf gibt es nur eine Antwort: mich disziplinieren. Ich muss mich wieder mehr zwingen, effektiv und produktiv zu arbeiten. Ich muss mich wieder auf Techniken besinnen, derer ich mich am Anfang meiner Ortsunabhängigkeit bediente. Wochen- und Tagespläne erstellen, für jede Aufgabe ein konkretes Zeitfenster bestimmen, mir Ziele setzen. Ich darf mich nicht ablenken lassen, während ich arbeite, weder von anderen, noch von mir selbst.

Folgende Maßnahmen habe ich mir in diesem Zusammenhang auferlegt:

  • Nachrichten nur noch einmal am Tag lesen
  • Jeden Tag früh zusammen mit meinem Sohn aufstehen und die ungestörten Morgenstunden, während er in der Schule ist und meine Frau schläft, zum Arbeiten nutzen
  • YouTube nur am Wochenende schauen (man kommt da so schnell vom hundertsten ins tausendste, dass man garnicht merkt, wie die Zeit verfliegt)

Außerdem habe ich 3 Tage die Woche (Montag, Mittwoch und Freitag) als reine Arbeitstage deklariert, an denen ich weder Löcher in Wände bohre, noch ins Einkaufszentrum fahre. Dienstags, Donnerstags und am Wochenende werden dann die häuslichen Anliegen wie Einkäufe und anderes erledigt. Außerdem werde ich für meine 3 Arbeitstage detaillierte Pläne erstellen, was ich zu tun habe und wie lange ich mir dafür Zeit gebe. Auf diese Art hoffe ich, deutlich mehr in deutlich weniger Zeit zu schaffen und so im Endeffekt mehr Zeit für meine Familie und für gemeinsame Freizeitgestaltung zu haben. Lieber 3 Tage die Woche garnicht verfügbar sein und den Rest der Zeit voll, als die ganze Woche über nur mit einem halben Ohr für die Familie da zu sein.

Eine Weitere Maßnahme, um die ich nicht herumkomme, ist, wieder regelmäßig Sport zu treiben. Hatten wir noch Anfang des Jahres eine Dauerkarte für das nahegelegene Schwimmbad, so ist dies mit der Renovierung der Schwimmhalle im April leider eingeschlafen. Danach kamen Wohnwagenkauf, DNX, Berlin und unsere Wohnwagenreise dazwischen, jetzt haben mein Vater und ich noch die Baikal-Ural-Reise vor uns. Und im November fliegen wir, meine Frau, mein Sohn und ich, zusammen mit und auf Wunsch unserer russischen Oma, in die Türkei. Dennoch werde ich gleich nach der Ural-Reise wieder Dauerkarten für uns alle kaufen, denn das Schwimmen hat mit einerseits geholfen, ein wenig abzunehmen, andererseits kommen mit beim Schwimmen ab der 10. Bahn immer ziemlich geniale Ideen.

Fazit aus 7 Monaten Ortsunabhängigkeit

Ortsunabhängigkeit ist klasse! Kein Chef schubst mich mehr herum, keine Kollegen intrigieren mehr gegen mich, meine Zeit teile ich mir selbst ein, und so weiter. Allerdings ist Ortsunabhängigkeit nicht einfach. Während meiner Zeit im Büro war es so, dass ich 8 Stunden am Tag an einem Ort war, wo ich mich kaum ablenken konnte. Trotz geringer Arbeitsbelastung wird es im Büro nicht gerne gesehen, wenn man Videos schaut oder Bücher liest. Ich war quasi gezwungen, produktiv zu sein.

Jetzt muss ich mich eben selbst zwingen, die Produktivität nicht schleifen zu lassen. Das hat nämlich direkte Auswirkungen auf mein Einkommen und mein psychisches Gleichgewicht. Je produktiver ich bin, desto besser fühle ich mich. Ortsunabhängigkeit ist nichts für schwache Charaktere, selbst ich, der ich mich bisher immer für einen starken Charakter hielt, habe meine Schwierigkeiten damit, Disziplin zu halten. Aber es ist nicht schwerer als ein Angestelltenverhältnis, nur anders. Deshalb kann ich jedem mit einem passenden Beruf nur dazu raten, es auch zu versuchen. Und, glaub mir, nichts ist schöner, als beispielsweise in Montenegro unter einem Feigenbaum zu sitzen, das Meer rauschen zu hören, seine Arbeit zu machen und anschließend ins Meer zu springen.

Hast du selbst schon einmal solche Erfahrungen mir Ortsunabhängigkeit gemacht? Dann würde ich mich sehr über einen Kommentar von dir freuen!

In diesem Sinne: Lass dich von deinen Ideen leiten!

Justin

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4 Responses

  1. holger sagt:

    justin, mach doch immer wenn du mit dem gedanken spielst youtube & co zu oeffen 20 liegestuetze. danach ist der gedanke verflogen und es frisch gestaerkte zurueck ans werk. 🙂

    lg aus dresden

  2. Biung Chul Han sagt:

    Hallo Justin,,
    der große Philosoph Biung Chul Han hat folgendes zum Thema „Freiheit durch flexibles, selbstbestimmtes Arbeiten“ zu sagen, also sinngemäß:
    Der neue Mensch in der digitalisierten Welt ist nur scheinbar frei, denn er ist Ausbeuter und Ausgebeuteter in einer Person.
    Es kommt also darauf an, ein kluger, menschenfreundlicher und konsequenter Chef seiner Selbst zu sein.
    Ich wünsche Euch von Herzen, dass Dir das gelingt.
    M.

  1. 8. September 2015

    […] In diesem Artikel ziehe ich ein Fazit aus 7 Monaten […]

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