Warum man seine Karriere aufgibt und ins Ausland geht…

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, musst du dich noch etwas gedulden. Damit du alles verstehst, muss ich etwas weiter ausholen. Es begann während meines Nachrichtentechnik-Studiums: Mein Digitalelektronik-Prof verkündete eines Tages, dass es ein Austauschprogramm mit St. Petersburg gäbe. Das fand ich sehr interessant und trug mich in die Liste der Interessenten ein. Allerdings kommt man in Russland nicht weit ohne – Russisch! Also hab ich mich in der direkt gegenüber der Uni gelegenen Volkshochschule eingeschrieben. Schon bald war klar, dass ich die russische Sprache und das, was ich bei dem Kurs von der russischen Kultur mitbekam, liebe. Und so blieb ich auch nach dem besagten Studium dabei und lernte weiter, nun bereits einfach für mich selbst. Bald freundete ich mich mit einem Kurskameraden an, einem frisch mit einer Russin verheirateten Automechaniker.

In der darauffolgenden Zeit war ich jede Woche mindestens einmal bei ihm in der Werkstatt, um an einem meiner Autos zu basteln. Mit der Zeit freundete ich mich auch mit seiner Frau an und half den beiden oft bei der Bewältigung linguistischer Missverständnisse und multinationaler Krisen. Da ich zu dem Zeitpunkt single war und es mir auch nicht so recht mit einer Beziehung gelingen wollte, machte seine Frau sich zunehmend Sorgen um mich. Wiederholt versuchte sie mich, mit Freundinnen zu verkuppeln, was aber nicht funktionierte.

Doch eines schönen Tages erreichte mich eine unerwartete Nachricht einer schönen Dame aus Moskau, die von der Frau meines Freundes wohl meine Kontaktdaten hatte. Sie sprach kein Deutsch und kein Englisch, nichts desto trotz schrieben wir uns eifrig Mails. Ich musste anfangs noch jedes zweite Wort im Wörterbuch nachschlagen, doch mit der Zeit wurde es flüssiger und mein Russisch nahm Gestalt an. Bald folgten erst vereinzelte, dann regelmäßige Skype-Gespräche und schließlich sagte sie: „Wenn du willst, komm mich doch mal in Moskau besuchen. Dann zeige ich dir ein bisschen die Stadt und wir lernen uns etwas besser kennen.“

Der Europaplatz am Kiewer Bahnhof

Der Europaplatz am Kiewer Bahnhof in Moskau

Gesagt, getan: Ich buchte sofort die Flüge für eine Woche Anfang Juli 2012 und konfrontierte am nächsten Tag meine Tante (Boss-Lady) mit der Situation. Sie ließ mich gewähren, wann bekommt man schon die Möglichkeit, nach Moskau zu reisen (es war zwar schon mein zweites Mal, aber trotzdem). Ich also den Fotoapparat eingesteckt und los.

Mein Flug sollte um 2:00 nachts in Moskau-Domodedowo landen und die junge Dame hatte es sich nicht nehmen lassen, mich abzuholen. Ich war pünktlich um 21:00 in Tegel, Check-in, Sicherheitskontrolle, alles nach Plan. Und dann ging das Gewitter los. Es hörte und hörte nicht auf und mein Flug verzögerte sich im Endeffekt um zwei Stunden. Als wir endlich starteten, hatte ich ein einmaliges Erlebnis: Einen Flug direkt durch die Gewitterwolke mit Blitzen rings um mich herum. Es war so ziemlich das abgefahrenste, was ich jemals im Flugzeug erlebt habe.

Der Moskauer Fernsehturm Ostankino

Der Moskauer Fernsehturm Ostankino

Mit zwei Stunden Verspätung landete ich schließlich in Moskau und die junge Frau hatte durchgehalten. Sie stand in der Traube der Wartenden und ich erkannte sie sofort. Wir begrüßten uns mit einer Umarmung und wie selbstverständlich ergriff sie auf dem Weg zum Bus meine Hand. Es dauerte keine 24 Stunden und wir wussten, dass wir füreinander bestimmt sind. Und das war der Zeitpunkt, zu dem mir klar wurde, dass mir ein paar ziemlich schwere Entscheidungen meine Zukunft betreffend ins Haus stehen.

Wir verbrachten gemeinsam eine sehr schöne Woche in Moskau und am Ende war klar, dass das nicht mein letztes Mal in dieser außergewöhnlichen Stadt war.

Aber warum habe ich mich entschieden, meine Karriere in Berlin aufzugeben?

In erster Linie hatte ich mich verliebt. Aber nach einer gemeinsamen Woche kann man ja eigentlich noch nicht von unsterblicher Liebe sprechen. Meine endgültige Entscheidung sollte auch erst später fallen, aber in dieser Woche wurde mir einiges über mich selber klar. Erstmal war ich selbst sehr überrascht von meiner Spontanität, einfach einen Flug zu buchen, ein Visum zu bestellen und ins Blaue hinein zu reisen. Ich hatte nicht einmal eine Unterkunft gebucht, weil ich bei meiner Freundin schlafen sollte. Aber was wäre, wenn sie nicht am Flughafen auftaucht? Wenn sie mich sieht und entscheidet, dass sie mich doch nicht treffen will? Alles Punkte, die ich nicht beachtet hatte. Aber warum? Erstmal war ich mir sicher, dass dieser Fall nicht eintreten würde. Es war aber auch mit ziemlicher Sicherheit die Lust, einfach mal ein Abenteuer zu erleben. Ich hatte die Chance, eine vollkommen fremde Stadt von innen heraus kennenzulernen, aus der Sicht der Einwohner. Ich würde mit einer russischen Frau zusammen in einer russischen Wohnung wohnen. Sie würde mir Moskau aus ihrem Blickwinkel zeigen. Ich hatte bewusst vorher keine Reiseführer gelesen und war offen für alles.

Da meine Freundin ihren Jahresurlaub bereits früher im Jahr aufgebraucht hatte, musste sie während dieser Woche arbeiten. Also fuhr ich sie jeden Tag mit der Metro von der Arbeit abholen. Ihre Wohnung lag in einem 70er-Jahre-Neubauviertel und auf dem Weg zur Metro sah ich viel ehrliches russisches Leben. Die hellgrüne Linie, mit der ich in die Stadt fuhr hatte auch wenig mit den palastartigen innenstätischen Stationen zu tun, aber ich sah etwas von der Stadt, was man nicht in jedem Reiseführer zu sehen bekommt: ihren wahren Charakter. Auch wenn Moskau, nüchtern betrachtet, eine ziemlich triste Stadt ist, bekam ich trotzdem Lust, etwas neues auszuprobieren.

Bis zu dieser Woche im Sommer 2012 war mein Leben mehr oder Weniger nach Fahrplan verlaufen. Ich hatte Abitur gemacht und war zum Studium gegangen. Das Studium hat nicht geklappt, also machte ich eine Ausbildung, erlernte einen Beruf, arbeitete. Es war immer klar, dass ich außer in Berlin nirgends leben würde. Ich wollte eine schöne Frau finden, ein oder zwei Kinder bekommen und mit ihnen in meinem kleinen Haus am Berliner Stadtrand leben, das ich von meinem Onkel geerbt hatte. Arbeitsmäßig wollte ich noch einmal studieren, Karriere machen und Geschäftsführer meines kleinen Ausbildungsbetriebes werden. Das war auch alles schon abgesprochen mit meinem Chef, der Fahrplan stand. Aber als ich eines Morgens in Moskau neben meiner Freundin aufwachte, die fremdartigen Möbel in der Wohnung und die riesigen Plattenbauten vor dem Fenster sah, wurde mir klar, dass das Leben mehr zu bieten hatte, als eine Karriere nach Fahrplan mit einer Neckermann-Familie im Vorstadthaus.

Der Gedanke war mir zwar da noch nicht bewusst, aber er setzte sich zu diesem Zeitpunkt bereits in meinem Hinterkopf fest und fing an, an meinem Lebenskonstrukt zu bohren. Mit der Zeit wurde der Wunsch, mit meinem zwar erfolgreichen, aber nicht glücklichen Leben in Berlin zu brechen, stärker und stärker. Meine Freundin und ich unterhielten und jeden Tag mehrere Stunden über Skype und sprachen natürlich auch über die Zukunft. Sie hatte einen elfjährigen Sohn und eine 82-jährige Großmutter mit in die Beziehung gebracht, war also deutlich weniger unabhängig als ich. Der Sohn hatte bereits zwei Väter und 3 verschiedene Schulen hinter sich und um die Oma kümmerte sich außer meiner Freundin niemand. Wie wir es auch drehten und wendeten, die einzige sinnvolle Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens bestand darin, dass ich nach Moskau gehe. Während meiner zweiten Reise, während derer ich die Stadt und meine Freundin noch besser kennenlernte, verfestigte sich diese Entscheidung.

Mein Chef nahm diese Nachricht relativ gelassen auf, dennoch versuchte er immer wieder, mich zum Bleiben zu überreden. Mit der Boss-Lady in meinem zweiten Ausbildungsbetrieb (ich wurde parallel in zwei kleinen Betrieben ausgebildet, da sie sich gut ergänzten) verstritt ich mich infolge dieser Entscheidung so sehr, dass wir uns trennen mussten und ich vollständig zum ersten Betrieb wechselte. Wir hatten entschieden, dass ich meine Ausbildung noch fertig machen und unmittelbar danach nach Russland gehen würde. Das Abenteuer begann.

Weiter werde ich über die Anfangsschwierigkeiten beim Broterwerb und über die Abenteuer mit dem russischen Ausländerrecht berichten.

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