Berlin-Moskau mit dem Volvo 240 – Teil 2

Volvo 240 voll beladen
Was macht man, wenn man ein Bett und eine Kommode transportieren muss?

Hier will ich nun die Geschichte meiner Reise Berlin-Moskau mit dem Auto weiterführen, die ich im letzten Beitrag angefangen habe.

Ich hatte die Wohnung der Großmutter meiner Freundin erreicht und war todmüde. Meine Freundin und ihr Sohn erwarteten mich bereits sehnsüchtig. Als kleinen Scherz zur Begrüßung steckte ich dem Jungen einen weißrussischen Tausend-Rubel-Schein zu (In Russland waren 1000 Rubel damals 25 €, in Weißrussland nicht mal 1 €) und versorgte die ganze Familie mit deutschen Süßigkeiten. Ritter Sport & Co. ist zwar ziemlich beliebt, aber nach einer Verkostung fanden die Halloren Kugeln und Zetti Knusperflocken deutlich mehr Anklang. Das mag daran liegen, dass es diese Produkte außerhalb (Ost-)Deutschlands nicht gibt.

Die lange Zeit hinterm Steuer forderte ihren Tribut und ich schlief fast 14 Stunden durch. Am übernächsten Tag fuhren wir in die Stadt, ein Navi kaufen. Ich war bisher davon ausgegangen, dass ich durch meine Berlin-Erfahrungen überall auf der Welt ohne Navi klarkäme, aber das stellte sich in Moskau als Trugschluss heraus. Ohne Navi hatte ich schlicht und ergreifend keine Chance in der größten Stadt Europas. Ich entschied mich im Endeffekt für ein Modell des chinesischen Herstellers Shturmann (soll deutsch klingen, damit es die Russen besser finden) mit einem Slot für eine SIM-Karte. Das ist eine ziemlich interessante Sache. Diese Navis gehen selbständig ins Internet und laden in Echtzeit die aktuellsten Stauinformationen von der russischen Plattform Yandex herunter und berechnen die Route dementsprechend. Mit diesem technischen Gimmick fühlte ich mich schon deutlich sicherer im russischen Stadtverkehr. Zu den Eigenheiten auf Moskaus Straßen gehe ich in einem späteren Artikel nochmal ein.

Das Auto wurde während meines Aufenthalts voll ausgenutzt. Wir fuhren zur Datsche der Großtante meiner Freundin, zum Einkaufen, ins Restaurant, zur neuen Wohnung, etc. Morgens fuhr ich meine Freundin ab und zu zur Arbeit. Sie hatte ihren Jahresurlaub kurz bevor wir uns kennenlernten auf einen Schlag genommen und deshalb musste sie immer arbeiten, während wir zusammen waren. Nur eines machten wir nicht: umziehen. Die Baufirma wollte und wollte die Schlüssel nicht übergeben. Wir konnten zwar schon in das Haus und die Wohnung hinein, aber abschließen konnten wir eben nicht. Also hieß es: warten. Am mittleren Wochenende der zwei Wochen machten meine Freundin und ich eine Dampferfahrt auf der Moskwa, eine der besten Arten, Moskau kennen zu lernen. Auch sonst (ich holte sie jeden Tag von der Arbeit ab) unternahmen wir viel, gingen in Parks spazieren und genossen unsere gemeinsame Zeit. Abends beschäftigten wir uns mit dem Sohn, der besonderen Gefallen an meinem Windows Phone und meinem noch relativ neuen Gaming-Laptop fand.

Wohnküche in Moskau

Echte Wohnküche: Die Küche ist größer als das Zimmer

Einen Tag vor meiner Rückreise passierte dann endlich das Wunder, auf das wir so gehofft hatten: Die Baufirma rief an, dass wir den Schlüssel abholen könnten. Also fuhren wir in die Übergangswohnung und fingen an, Kram in Kisten zu feuern, Möbel auseinanderzubauen und Klamotten zu sortieren. Allerdings hätte der Zeitraum nicht schlechter sein können, denn ich musste mich eigentlich schon seelisch und moralisch auf die Rückreise einstellen. Aber dennoch rissen wir uns zusammen und machten das beste aus der verbleibenden Zeit. Wir luden meinem roten Volvo einmal komplett voll. Und mit komplett voll meine ich auch komplett voll. Wir haben buchstäblich jeden freien Kubikzentimeter des 2,20 m langen Laderaums ausgefüllt. Den Grundstock bildeten ein Bett und eine 2 m lange und gefühlte 100 kg schwere Kommode. Die hatten wir auf Hockern wie die alten Ägypter durch den Hausflur geschoben, weil meine Freundin sie selbst mit mir zusammen nicht tragen konnte. Darauf türmten wir noch etliche Umzugskisten, um keinen kostbaren Platz auf unserer leider einzigen Umzugsfahrt zu verschenken. Die Kommode sollte später an der neuen Wohnung nochmal zum Problem werden. Ich hatte einfach keinerlei Idee, wie ich sie ins Haus bringen sollte. Zum Glück kam ein ebenfalls neu eingezogenes Paar vorbei und der Mann erklärte sich prompt bereit, mit anzufassen. Zum Dank schenkte ich ihm eine große Tafel Milka, die ich zufällig im Handschuhfach hatte. Da es mittlerweile dunkel war und es in der Wohnung noch keinen Strom gab, fuhren wir zum Verabschieden zur Großmutter und dann wieder in die Übergangswohnung.

Volvo 240 voll beladen

Was macht man, wenn man ein Bett und eine Kommode transportieren muss?

Am nächsten Tag sollte es dann zurück nach Deutschland gehen. Aufgrund schlechter Planung hatte mein Visum für Russland auch nur bis zu diesem Tag Gültigkeit. Ich weiß nicht mehr, warum ich es nur für zwei Wochen beantragt habe, obwohl die Maximaldauer 30 Tage beträgt. Auf jeden Fall musste ich die Eurasische Zollunion (östliches Pendant zur EU) bis 24:00 Uhr weißrussischer Zeit verlassen. Ursprünglich hatte ich geplant, spätestens um 10:00 Uhr abzufahren, aber wie das so ist, wenn man frisch verliebt ist, wurde es später und später. Meine Freundin machte mir noch Essen für unterwegs und wir wollten und wollten uns nicht trennen. Als ich dann endlich im Auto saß, war es schon Nachmittag. Bis zur polnisch-weißrussischen Grenze sind es etwas über 1000 km und die verbleibende Zeit war verdammt knapp. Zu allem Überfluss stand ich auf der Ausfallstraße aus Moskau auch noch im Stau und bekam langsam Panik.

Als ich dann endlich freie Bahn hatte, trat ich ziemlich aufs Gas, weil ich mit normaler Geschwindigkeit keine Chance hatte. Ich fuhr 160, wo man nur 110 durfte, aber die Kosequenzen, wenn ich die Grenze zu spät erreichte, wollte ich nicht tragen. Also musste ich es forcieren. Das ging auch alles soweit gut, bis ich etwa auf der Höhe von Smolensk auf dem Mittelstreifen einen Bauarbeiter sah. Zumindest dachte ich zuerst, dass es ein Bauarbeiter war, denn er trug eine gelbe Arbeitsschutzjacke mit Reflektorstreifen. Erst im Näherkommen erkannte ich, was er in der Hand hielt, aber es war schon zu spät. Es handelte sich um einen Verkehrspolizisten mit einer Laserpistole. Ich hatte zwar noch ein wenig abgebremst, aber 120 hatte ich sicher drauf. Gut, dachte ich, in Russland gilt außerorts 90, also 30 km/h Übertretung. Dafür berappt man in Russland umgerechnet etwa 10 Euro. Also fuhr ich weiter und machte mir nicht allzugroße Sorgen. Nach etwa 10 Minuten Fahrt sah ich schon von Weitem, wie ein ähnlich gekleideter Verkehrspolizist mitten auf der Autobahn stand, mitten auf meiner Spur. Das irritierte mich sehr. Er zeigte mit seinem Stab auf mich und ich bremste ab. Dann hielt er mit seinem Stab die rechte Spur auch an und winkte mich zusammen mit den beiden SUVs hinter mir auf den Standstreifen.

Als er an mein Fenster kam, fragte er: „Genosse, wohin so eilig?“ und ich antwortete: „Nach Hause!“. Ich dachte, er sieht vielleicht meine deutschen Nummern und lässt mich mit einer Verwarnung weiterfahren, aber Fehlanzeige. Aussteigen, mitkommen, in sein Polizeiauto setzen. Da zeigte er mir ein wunderhübsches Foto meines Autos mit meiner Geschwindigkeit: 121 km/h, wie ich annahm. Aber nun kam der Hammer: Das war nicht außerorts, das war eine Ortslage. Dazu muss ich erklären, dass Ortslagen in Russland ausschließlich über das Ortseingangs- / -ausgangsschild definiert werden. Meistens handelt es sich bei ihnen nur um eine Bushaltestelle und eine Abzweigung, die zu den etwa 1 km entfernten Häusern führt. Also eine komplett lächerliche Einrichtung. Jedenfalls gilt in Ortslagen in Russland 60, ich hatte 121 drauf gehabt. Macht eine Übertretung von 61 km/h, das bedeutet selbst in Russland Führerscheinentzug. In meinem Kopf raste es: Was tun? Ich entschied mich schließlich für die Masche naiver Deutscher. Also so getan, als hätte ich seine Eröffnung mit dem Führerscheinentzug nicht verstanden und in einfachem Russisch gefragt: „Kann ich die Strafe auch bei Ihnen bezahlen?“

Kleine Information: In Russland kann man die Strafe niemals am Ort bezahlen. Man bekommt ein Protokoll, das man bei der Sparkasse bezahlen muss. Trotzdem funktionierte die Masche, der Polizist fragte: „Haben Sie Rubel?“ Hatte ich nicht, sagte ich auch. „Aber Euro…“ Du hättest sehen müssen, wie bei dem Polizisten die Augen groß wurden. Ich holte die Brieftasche hervor und grabbelte einen Zwanziger heraus, den ich zwischen den Fingern rieb. Der Polizist strahlte wie eine Kind am Weihnachtsbaum und fasste nach dem Schein, den ich ihm bereitwillig überließ. Eilig steckte der Polizist den Schein in die Brusttasche und löschte das Bild meines Autos von seinem Laptop. „Ich wünsche Ihnen noch eine gute Fahrt!“, verabschiedete er mich und ich setzte mein wenig aussichtsreiches Rennen gegen die Zeit fort. Laut Navi hatte ich immernoch einen Rückstand von einer Stunde, hatte aber auch noch 700 km weißrussische Autobahn vor mir.

Moskau-Berlin Grenzfluss Bug

Der Bug, Grenzfluss zwischen Weißrussland und Polen – Image Credit: Wikipedia @ Piotr Trochymiak aka Pepson

Die weißrussische Trasse ist ideal ausgebaut, wenig ausgelastet und verfügt über ein Tempolimit von 140 km/h. Im Gegensatz zum russischen Pendant gibt es entlang der Trasse keine Ortslagen, Fußgängerüberwege oder niveaugleiche Kreuzungen. Und was das Beste ist: Mit deutschen oder allgemein EU-Nummern kann man in Belarus noch so oft fotografiert werden, man bekommt nie Post, weil die Zustellung teurer wäre, als die Strafe. Das hat sich allerdings seit 2013 geändert, darauf gehe ich noch einmal gesondert ein. Ich brachte die 700 km auf guter Straße schnell hinter mich und schaffte es, einen Vorsprung von einer halben Stunde herauszufahren. In Brest angekommen hoffte ich inständig, dass es keine Wartezeit geben würde. Anfangs war es schwierig, die richtige Einfahrt in den Grenzübergang zu finden, doch als ich drin war, atmete ich auf: Außer mir stand nur ein einizges Auto vor der Schranke, die auch nach fünf Minuten aufging. Ich hatte noch 20 Minuten Visagültigkeit, also spurtete ich als Erstes zum „Pogranitschnik“, dem Grenzer, der den Pass kontrolliert. Der drückte mir auch erfreulich schnell den Ausreisestempel auf das Transitvisum, puh, geschafft. Für die Zolltechnische Behandlung des Autos konnte ich mir nun Zeit lassen, aber auch das ging relativ schnell. Auf der polnischen Seite hatte ich auch keinen Widerstand und war bereits nach insgesamt 40 Minuten in Polen. Mir fielen Tausend Steine von Herzen und ich fuhr los. Allerdings kam ich aufgrund meiner Müdigkeit nicht weit. Ich fand einen LKW-Parkplatz und stellte mich zwischen zwei parkende Sattelzüge, um ein paar Stündchen zu schlafen. Mit Handtüchern verhängte ich die Scheiben und machte es mir auf der Rückbank bequem.

Berlin-Moskau Autobahn A2 Poznan

Die Autobahn A2 in Richtung Berlin auf Höhe Poznan – Image Credit: Wikipedia @ DXPG

Nach vier Stunden mehr oder weniger erholsamen Schlafes fuhr ich weiter. Warschau war noch mal eine Herausforderung, die ich aber schon etwas leichter meisterte. Danach verlief der Rest der Reise ereignislos und gegen Mittag kam ich in Berlin an. Ich hatte inklusive meiner Ruhepause gerade mal 21 Stunden gebraucht, das war schnell. Nachdem ich mich bei meiner Mutter und meiner Freundin gemeldet hatte, dass ich gut angekommen war, ging ich schlafen und wurde erst am nächsten Morgen um 6:00 Uhr wach, weil ich zur Arbeit musste.

Man kann sagen, dass ich extremes Glück hatte, alles hatte besser als erwartet geklappt und ich war mir nun sicher, dass ich meine Freundin heiraten würde.

Hast du auch schon einmal so eine Reise gemacht? Ich freue mich auf deine Geschichten!

 

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