Uljanowsk – Wie ich meine Liebe zu Russland wiederentdeckte

Zunächst einmal möchte ich mich bei dir entschuldigen, dass die Abstände zwischen neuen Beiträgen mittlerweile so groß geworden sind. Das hängt damit zusammen, dass ich in letzter Zeit viel unterwegs bin, viele neue Erfahrungen sammle und, wenn ich dann mal zu Hause bin, die Zeit schlicht und ergreifend zum Geldverdienen nutzen muss.

Wolgaufer

Blick auf das Ufer der Wolga in Uljanowsk

Warum die Liebe zu Russland wiederentdecken?

In den drei Jahren, die ich mittlerweile in Moskau lebe ist sehr viel passiert, sowohl in meinem Leben, als auch um mich herum. Ich habe meine Einstellung zu klassischer Lohnarbeit grundlegend geändert, habe meinen Horizont erweitert, habe viel Neues kennengelernt und habe gelernt, vieles zu hinterfragen. Unter Anderem habe ich auch meine Wahlheimat Moskau besser kennengelernt. War diese Stadt für mich am Anfang noch die schillernde Stadt aller Städte, die Millionenmetropole, die niemals schläft. Allerdings hat sich mein Blick auf diesen Flecken Erde unter Anderem durch ein Jahr täglichen Pendelns ins Büro doch ziemlich geändert.

moskauer straßendreck

Moskauer Straßendreck

Moskau ist eine Stadt, die wahrhaftig niemals schläft, hier kann man um 02:00 Uhr nachts auf dem sechsspurigen (pro Richtung!) Autobahnring in einen Stau geraten. Abseits von Verwandten und Freunden sind die Moskauer sehr einsilbige und jähzornige Zeitgenossen. Die tägliche Fahrt zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln kann ziemlich schnell zur psychischen Tortur werden. Und da wäre noch der Dreck! Es ist wirklich unglaublich, wie dreckig diese Stadt ist! Wenn ich nach 2 Tagen Nichtnutzung in mein Auto steige und die Scheibenwaschanlage betätige, läuft absolut schwarze Soße herunter. Überall stinkt es entweder nach Abgas oder nach irgend etwas Verdorbenem. Kurz – ich habe Moskau als Stadt für das Alltagsleben hassen gelernt.

Russische Eisenbahn

Die Eisenbahn ist das wichtigste Transportmittel Russlands

Das wahre Russland beginnt erst 50 km außerhalb von Moskau. Uljanowsk liegt sogar ganze 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt an der Wolga, dem wichtigsten Fluss Russlands.

Eine Reise, die mein Verhältnis zu Russland nachhaltig verändert hat

Um 00:30 Uhr standen wir am 1. Mai schwer beladen am Kasaner Bahnhof in Moskau vor den noch verschlossenen Türen des Zuges 264 nach Uljanowsk. Mit uns standen noch andere Reisende um ihre Gepäckhaufen herum und warteten, dass die Waggonschaffnerin endlich die Tür entriegelt. Zwanzig Minuten später war es endlich soweit, eine halbe Stunde vor der Abfahrt wurden wir eingelassen. Russland ist das Land der Nachtzüge, die großen Entfernungen und die niedrigen Fahrgeschwindigkeiten der Züge verlangen zwangsläufig sehr lange Reisezeiten. Entsprechend große Zeitreserven sind hier vorhanden. Der Zug ist in Russland ist ein sehr entspanntes Verkehrsmittel, die meiste Zeit des Reisens verbringt man liegend, Heißes Wasser für Tee oder Tütensuppen wird kostenlos zur Verfügung gestellt und nicht selten kommt man mit seinen Mitreisenden ins Gespräch. Doch zum Reisen im Zug an sich schreibe ich irgendwann noch mal einen getrennten Artikel.

Imperatorenbrücke uljanowsk

Die 4 Kilometer lange Imperatorenbrücke in Uljanowsk

Wir bezogen also endlich eine halbe Stunde vor Abfahrt unsere Bleibe für die nächsten 17 Stunden. Nachdem die Betten bezogen waren und meine Frau und mein Sohn schliefen setzte ich mich ans Fenster und genoss bei einem kühlen Bier die nächtliche Fahrt. Eine Stunde später legte ich mich dann auch schlafen. Bereits am ziemlich frühen Morgen erwarte ich dann wieder und schaute fast für die restlichen 8 Stunden fahrt bis Uljanowsk ununterbrochen aus dem Fenster. Die Landschaft, die an mir vorbeizog, faszinierte mich. Birkenwälder, schöne Hügel, urtümliche Dörfer. Ich fühlte mich gleich um ein Jahrhundert in der Zeit zurückversetzt, im positiven Sinne natürlich.

Lenindenkmal uljanowsk

Lenindenkmal im Stadtzentrum

Angekommen in Uljanowsk, wurden wir bereits von der Cousine meiner Frau (nach russischem Verständnis der Schwester 2. Grades) erwartet. Als erstes fiel mir auf, dass es auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof in Uljanowsk freie Parkplätze gab. In Moskau eine absolute Ausnahme, selbst in 2. Reihe hat man kaum eine Chance, ein paar Minuten zu stehen. Unterwegs fiel mir dann der deutlich weniger dichte Verkehr in Uljanowsk sehr positiv auf, wir kamen sehr gut voran. Am besten gefiel mir aber die Imperatorbrücke, eine 4 Kilometer lange Eisenbahn- und Straßenbrücke über die an dieser Stelle ebensobreite Wolga. Anfangs hatte ich das Gefühl, irgendwo am Meer zu sein. Wasser fast bis zum Horizont.

TU 104

Cockpit einer Tupolew TU-104 im Luftfahrtmuseum

Die positiven Eindrücke setzten sich am 2. Tag fort, unsere Gastgeber fuhren mit uns ins Zentrum und wir hatten einen erhöhten Blick auf die Wolga und die zwei Brücken. Außerdem besuchten wir das Geburtshaus von Lenin und das Lenin-Memorial. Uljanowsk ist nach Lenins bürgerlichem Nachnamen, Uljanow, benannt. Am dritten Tag fuhren wir ins 200 km entfernte Toljatti, der Heimatstadt der Automarke Lada. Die zweieinhalbstündige Überlandfahrt fand ich sehr faszinierend.

kindheit lenin

Das Haus, in dem Lenin seine Kindheit verbracht hat

Ein paar Informationen zu Uljanowsk: In der Stadt leben etwa 600.000 Einwohner, sie umfasst verschiedene Hochschulen und Universitäten, darunter auch eine Militärakademie. Im Zentrum gibt es eine Skipiste zum Wolgaufer hinunter mit einem Skilift. Lenins Geburtshaus und das Haus, in dem er Aufgewachsen ist, wurden zu Sowjetzeiten mit einem Memorial umbaut, in dem ein Leninmuseum untergebracht ist. Besonders lohnenswert sind Spaziergänge in der Fußgängerzone im Zentrum oder am Wolgaufer entlang. Auch das Luftfahrtmuseum am Flughafen ist einen Besuch wert, dort steht sogar eines der wenigen erhaltenen Exemplare der Tupolew TU-144, des der Concorde überlegenen sowjetischen Überschallpassagierflugzeuges. Außerdem hast du die Möglichkeit, verschiedene historische Flugzeuge zu betreten. Für Liebhaber sind außerdem die O-Bus- und Straßenbahnnetze der Stadt interessant.

Was ist an Uljanowsk jetzt so besonders?

natur in uljanowsk

In der Natur fühle ich mich gleich viel wohler.

Was mir an Uljanowsk am allerbesten gefallen hat, ist der Kontrast zu Moskau. Uljanowsk, oder eine ähnliche Stadt, ist eigentlich der ideale Ort für mich. Dort gibt es alles, was ich brauche: Internet, freundliche Menschen, Lebensmittel, Natur und staufreie Straßen. Alles das, was ich nicht brauche, gibt es dort nicht: Viele Menschen, Dreck, Luftverschmutzung und Hektik. Uljanowsk steht für mich beispielhaft für das echte Russland. Der Lebensrhythmus ist ein ganz anderer als in Moskau. Die Menschen wirken fröhlicher und ausgeglichener. Kurz – ich fühle mich dort wohl. Selbst ein teilweise sesshaftes Leben in einer solchen ruhigen Stadt könnte ich mir gut vorstellen. Auch werde ich wohl in nicht allzu ferner Zukunft dieser schönen Stadt und unseren Verwandten wieder einen Besuch abstatten.

In diesem Sinne: Lass dich von deinen Ideen leiten!

Justin

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